“Eltern”zeit – auch was für echte Männer

Aktuell sehe ich viele Berichte von Frauen zu den Themen Elternzeit, Wiedereinstieg, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Umsetzung, Erfahrungen, Sorgen und Nöte etc. Und ich gewinne dabei den Eindruck, dass es, nach wie vor, schwerpunktmäßig ein Frauenthema ist. Trotz der seit vielen Jahren bestehenden Möglichkeit der Elternzeiten für beide inkl. finanzieller Anreize. Und vielleicht sagen Sie jetzt innerlich: „Ja, aber mein Mann (oder ich – als männlicher Leser) kann in seinem Job wirklich keine längere Elternzeit nehmen.“ Bitte nicht. Denn den Satz haben wir in den letzten 16 Jahren mehr als häufig gehört.
Wir, mein Mann und ich, möchten an dieser Stelle daher mal eine andere Seite beleuchten bzw. über unsere schon zurückliegenden Elternzeiten bei drei Kindern und deren „Langzeitwirkung“ berichten. Wir möchten zeigen, dass es nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch ein Paarthema sein kann.
Vorweg die Fakten:

Wir haben 3 Kinder, die aktuell 16, 14 und 11 Jahre alt sind. Passend zur Geburt unseres 1. Kindes wurde das Gesetz dahingehend geändert, dass Männer und Frauen parallel Elternzeiten in Anspruch nehmen konnten. Finanzielle Unterstützung gab es nicht. Mein Mann und ich waren beide in einer Festanstellung und die

Hauptgründe für den Wunsch nach einer gemeinsamen Elternzeit waren:

-Wir wollten beide unsere Kinder aufwachsen sehen-nicht nur am Wochenende
-Wir wollten beide im Beruf bleiben („Der beste Wiedereinstieg ist kein Ausstieg.“)
-Wir sahen zwei Berufe als langfristige finanzielle Absicherung
-Wir wollten das Gleichgewicht in unserer Beziehung behalten
-Wir wollten unabhängig von externen Betreuungsmöglichkeiten sein (wir haben keine Verwandtschaft vor Ort).

Wir haben für alle Kinder gemeinsame Elternzeiten genommen und auch im Anschluss weiterhin Beruf und Familie geteilt.

Ein Rückblick aus Frauensicht

Ein Kollege hat mir vor Jahren mal gesagt: „Männer erziehen nicht schlechter, sondern anders.“ Dieser Satz beinhaltet eine grundlegende Wahrheit und ich bin gut damit gefahren, es so zu sehen. Dass meinem Mann die Kleiderwahl bei den Kindern z.B. nicht wichtig war. Gestreift und kariert? Passt schon. Ist auch nicht wirklich wichtig, aber bietet durchaus Stoff für Diskussionen. Oder sein viel größeres Vertrauen in die handwerklichen Fähigkeiten von Kleinkindern. Hat immer gepasst und ich habe mich herausgehalten bzw. ich habe ihm die Erziehung, mit allem was dazu gehört, genauso zugetraut wie mir.
Meine Führungskräfte waren durchaus nicht durchgängig angetan von drei Elternzeiten in kurzen Abständen. Und ich habe auch Vorbehalte bzgl. meiner Teilzeit erfahren. Mein früherer Arbeitgeber war allerdings sehr flexibel was mein eher ungewöhnliches Teilzeitmodell anbelangte. Und auch meine Aufgaben konnte ich weitestgehend fortführen. Das setzte natürlich immer ein Geben und Nehmen voraus.
Und ja, finanziell war es in den ersten Jahren eher knapp. Aber bis auf einige Urlaube, nach denen uns mit drei kleinen Kindern nicht unbedingt so der Sinn stand, hat es uns an nichts gefehlt.
Ich habe mich beruflich fortgebildet und weiterentwickelt und bin im letzten Jahr den vollständigen Schritt in die Selbständigkeit gegangen. Aus meiner Sicht war und ist es ein für uns alle sehr gutes Modell.

Ein Rückblick aus Männersicht (Adrian Frost)

Unsere kids sind jetzt schon echte Pubertiere und brauchen uns nicht mehr so viel. Daher bin ich heute fast noch glücklicher über das Modell, welches wir damals gewählt haben. All die vielen Erinnerungen an diese Zeit kann mir niemand nehmen. Auch die vielen Überstunden im Büro sind dabei längst aus dem Gedächtnis verschwunden. Außerdem war ich immer der einzige Mann auf dem Spielplatz. Was will MANN mehr?
Im Ernst: Kinder sind größtenteils lange nur von Frauen umgeben. Im Kindergarten, in der Grundschule sind häufig Frauen und viele Väter sind meist nur spätabends und am Wochenende da. Wo sind dann die männlichen Vorbilder?
Beruflich musste ich deswegen zwar viel einstecken, geschadet hat es mir langfristig aber nicht und ich bereue es nicht. Ich denke nicht, dass ich ohne Elternzeiten beruflich weitergekommen wäre. Von vielen ehemaligen Kollegen höre ich heute: „Alles richtig gemacht“.
Wenn ich von Unternehmen höre, die jungen Vätern mit EDEKA (Ende der Karriere) drohen, wenn Sie Elternzeit nehmen, dann habe ich da eine klare Meinung. Wo bleibt die Wertschätzung und soziale Kompetenz, nach der immer alle verlangen? Solche Unternehmen werden es in Zukunft sehr schwer haben, junge Talente zu bekommen und zu halten. Die Generation Y nimmt die „Karriere-Möhre“ und die damit verbundenen Statussymbole nicht mehr so ernst wie früher.
Die Mütter müssen den Vätern aber auch mal etwas zutrauen und loslassen. Wir können das! Auch wenn es mal modische NoGos gab (kariert zu gestreift)*. Na und?
Auch für unsere Beziehung waren Elternzeiten die richtige Entscheidung. Wir hatten beide die gleiche Mischung aus Kinder- und Berufsthemen. Wir sind beide alleine in der Lage, mit Kindernotfällen umzugehen. Die finanzielle Verantwortung lag nie nur bei mir. Dadurch waren wir freier und nicht durch den Arbeitgeber erpressbar. Und manchmal war man auch mal froh, die Haustür hinter sich einfach zuziehen zu können.
Aber das Wichtigste aus jetziger Sicht sind 3 tolle Kinder und dass wir uns gemeinsam über die Jahre weiterentwickelt haben und wir somit optimal für das Leben 3.0 (Kinder aus dem Haus) vorbereitet sind. Ich bin mir aber manchmal nicht sicher, ob junge Väter heute das wirklich wollen und einfach berufliche Gründe vorschieben, keine längere Elternzeit machen zu können. Jungen Eltern empfehle ich, hier mal 10-15 Jahre in die Zukunft zu schauen und sich zu überlegen, wo sie dann miteinander stehen wollen.
Die jetzige Praxis der Elternzeiten halte für einen wichtigen Schritt, aber mit Designfehlern. Was nützen einige Monate Freizeit, wenn sich die Frau trotzdem nicht beruflich weiterentwickelt und der Mann das als langen Urlaub sieht?

*Anmerkung: Wir haben die Texte unabhängig voneinander geschrieben.

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